NURU

«Was man tief in seinem Herzen besitzt, kann man durch den Tod nicht verlieren.»

Johann Wolfgang von Goethe

Beweggründe zum Aufbau des Projekts

von Milena Schaller, Gründerin der Stiftung NURU

 

Während meinem zweimonatigen Praktikum auf einer Geburtenabteilung in einem Spital in Dar Es Salaam habe ich sie zum ersten Mal erlebt, diese grenzenlose Armut, die daran schuld ist, dass so vielen Kindern das Leben genommen wird, bevor sie es überhaupt leben lernen können. Unzählige Kinder sterben während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt. Gründe dafür sind: schlechte hygienische Bedingungen, fehlende medizinische Einrichtungen, Krankheiten oder Auswirkungen von Unterernährung während der Schwangerschaft usw.

Auch Mütter werden oftmals zu Todesopfern, vor, während oder nach dem Geburtsprozess. Sehr häufig sind Mütter betroffen, die sich den Spitalaufenthalt nicht leisten können und ihre Kinder zu Hause im Dorf zur Welt bringen.

 

Sie gebären in schlechter hygienischer Umgebung, haben keine medizinische Betreuung und sterben oft an zu viel Blutverlust. Kinder, die ihre Mutter verloren haben, befinden sich in einer fast aussichtslosen Lage.

 

In meinem ersten Praktikum in einem Kinderheim, in dem 81 Kinder auf engstem Raum unter unbeschreiblichen Umständen aufwachsen, habe ich die drei Monate alte Nuru kennen gelernt. Nurus Mutter starb während der Geburt, von ihrem Vater fehlte jede Spur. Das war der Grund, weshalb Nuru von Nachbarn ins Kinderheim gebracht wurde, wo sie nun ihre Kindheit verbringen sollte. Kurz nach ihrer Ankunft im Kinderheim erkrankte sie schwer an einer Mittelohrentzündung. Eiter lief aus ihren Ohren und sie atmete nur noch sehr oberflächlich. Für mich war klar: Dieses Kind braucht dringend medizinische Hilfe. Der Leiter des Kinderheims erlaubte es mir nicht, Nuru ins Spital zu bringen, da es eine amtliche Bewilligung brauchte, um ein Kind aus dem Kinderheimareal wegzuführen. Wer diese Bewilligung erteilen sollte und wann sie eintreffen würde, blieb unklar. Nurus kritischer Gesundheitszustand wurde völlig unterschätzt und so sah ich es als meine Pflicht an, Nuru aus dem Kinderheim zu entführen, um ihr Überleben zu sichern. Im nahe gelegenen Spital erhielt Nuru die benötigte medizinische Hilfe. Ich verabreichte Nuru täglich die verordneten Medikamente und erkundigte mich dauernd nach ihrem Gesundheitszustand. Nuru erholte sich von ihrer Krankheit und wurde bald wieder das Mädchen mit den grossen, strahlenden Augen und dem unendlich starken Willen zu leben! Sie gehörte zu den Kindern, die für das Leben bereit waren, obschon das Schicksal eines der schwersten Lose für sie bestimmt hatte.

 

Zwischen Nuru und mir entwickelte sich eine tiefe Beziehung. Ich fühlte mich verantwortlich dafür, dass Nuru leben durfte und ich wollte alles dafür tun. Nuru sollte nicht Opfer werden dieses Todes, der so oft kam und sich Kinder nahm, die ihm einfach nicht zustanden!

 

Ich verliess Tansania, um nach Indonesien weiterzureisen. Ich musste mich von Nuru verabschieden. Das Gefühl, nicht zu wissen, wie es mit ihr weiter gehen und wie sie sich entwickeln sollte, war für mich nur schwer auszuhalten. Ich bat die Heimleitung um sofortige Benachrichtigung, falls sich der Gesundheitszustand von Nuru verschlechtern sollte. Ich versprach, Geld zu schicken, um nötigenfalls die medizinische Behandlung zu bezahlen. Knapp einen Monat später, ausgerechnet an Weihnachten, erhielt ich in Indonesien die Meldung, Nuru sei gestorben. In mir brach eine Welt zusammen.

 

Das Erleben dieser furchtbaren Ungerechtigkeit hat in meinem Inneren einiges verändert. Ich will, dass Kinder und Mütter leben, egal unter welchem Himmel sie geboren werden. Ich will, dass Mütter in Würde gebären dürfen, dass sie das Recht auf eine medizinisch betreute Schwangerschaft und Geburt erhalten.

 

Die Stimme in mir schreit deutlich: Das ist mein Weg, ich will Licht entzünden in dieser dunklen Realität. Ich will mein Wissen dort verbreiten, wo es so dringend gebraucht wird, ich will dafür sorgen, dass irgendwo auf dieser Welt der Frieden siegt, dass Menschen Glück erfahren, wo sie doch der Brutalität des Lebens immer wieder hilflos ausgesetzt sind.

 

Ich habe mich in Tansanias Strassen und Plätze verliebt, ich habe mich in die Farbenpracht, in die Einfachheit und die Kultur verliebt. Ich habe während meinen Reisen durch Tansania so viel Glück erfahren, die Kultur und das Anderssein der Menschen haben mich tief beeindruckt. Mit meinem Projekt will ich den Menschen in Tansania etwas zurückgeben von dem, was sie mich immer wieder lehren: Leben!

 

Die Stiftung und das Geburtshaus sollen den Namen NURU tragen, was in Swahili „Licht“ bedeutet. Ihr Tod war der ausschlaggebende Grund, dieses Projekt aufzubauen. Ich will, dass dieses Projekt ihren Namen trägt, ich will, dass Nuru weiterhin das Licht ihrer wunderschönen Kinderaugen verbreitet. Nuru soll weiterleben, ich will für sie kämpfen und für sie diesen Frieden weitertragen, den ich durch sie in unserer gemeinsamen Zeit immer wieder erfahren durfte.

 

Mein Vater hat zum ersten Todestag von Nuru einen Text über ihr Leben verfasst. Dieser Text fasst all das zusammen, was Nuru war, was sie mir bedeutete und weshalb ich dieses Projekt ins Leben rief:

 

 

Klein Nuru oder: Es werde Licht!

für Milena

 

Kann man ein Leben Leben nennen,

wenn es nicht mal ein Jahr gedauert hat?

Wenn man Beine hat,

ohne sie je zum Laufen gebrauchen zu können?

Wenn man Hände hat,

ohne sie je zum Arbeiten gebrauchen zu können

oder um jemanden zu umarmen?

Wenn man Augen hat,

ohne je die Sterne zählen zu können

am afrikanischen Himmel?

Wenn man eine Stimme hat,

ohne je Worte formen zu können:

Liebesworte, Trauerworte,

Worte der Klage und Worte des Staunens,

Worte der Wut und Worte der Versöhnung?

Kann man ein Leben Leben nennen,

wenn man um seine ganze Zukunft betrogen wurde?

Wenn man das Pech hatte, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort

geboren worden zu sein?

Wenn man von Vater und Mutter, von Gott und der Welt verlassen wurde,

noch bevor man sie kennen gelernt hat?

 

Kann man Nuru, den Namen des Lichts tragen,

wenn dieses Licht ausgelöscht wurde,

noch bevor es seine ganze Leuchtkraft

entfalten konnte?

 

Wie sollen wir heute und in Zukunft

Weihnachten feiern, den Tag, an dem ein Kind geboren wurde,

um Licht in diese Welt zu bringen,

wenn an diesem Tag ein anderes Licht

für immer aus dieser Welt verschwand?

Und doch suche ich sie vergeblich in deinen unschuldigen Kinderaugen:

deine Anklage über begangenes Unrecht,

deine Wut über die gestohlene Zukunft,

deine Verzweiflung über ein verpasstes Leben.

 

Wenn ich in deine leuchtenden Äuglein blicke, kleine Nuru,

ist mir, als würden sie mir dein ganzes nicht gelebtes Leben erzählen,

als läge deine ganze Zukunft in deinen kleinen Händchen,

als hätten deine Füsschen den Weg schon zurückgelegt von hier nach dort,

als hätte Gott etwas Besonderes vorgehabt mit dir,

als wärst du nicht für diesen Stern geboren, sondern für die Sterne.

Könnte es sein, dass du uns deine Beinchen leihen wolltest,

damit wir deinen Weg zurücklegen?

Könnte es sein, dass du uns deine Ärmchen leihen wolltest,

damit wir in deinem Namen auf eine lichtvollere Welt hinarbeiten?

Könnte es sein, dass du uns deine Äuglein leihen wolltest,

damit wir die Sterne zählen, auf denen du zu Hause bist?

Könnte es sein, dass du uns deine Stimme leihen wolltest,

damit wir das Wort erheben

gegen das Unrecht und für die Liebe,

gegen die Gleichgültigkeit und für die Hoffnung,

gegen die Dunkelheit und für das Licht?

 

Wenn es so ist, kleine Nuru,

dann soll dein kurzes Leben eine lange Geschichte haben,

dann wollen wir an deinem Licht unsere Flamme entzünden,

dann wollen wir uns in deinem Namen, im Namen des Lichts, dafür einsetzen,

dass alle Kinder in Zukunft das Recht haben zu leben,

unter welchem Himmel sie auch immer geboren wurden.

 

Wenn es so ist, kleine Nuru,

dann soll dein kurzes Sein

nicht umsonst gewesen sein!

 

 

Hubert Schaller